Entstehung des Names Mixtura-Orchester

Als vor 23 Jahren meine Tochter Johanna geboren wurde, hatte ich mir ein besonderes Geburtsgeschenk ausgedacht – eines, das einem Komponisten wie mir entspricht: „Nächtliches Erwachen“, ein Bilderbuch mit Musik. Zunächst hatte ich eine kleine Gespenstergeschichte erfunden und Bilder gemalt. Da ich an der Görlitzer Musikschule ein Nachwuchsstreichorchester gegründet hatte, wollte ich zunächst die Musik zu dem Bilderbuch für dieses Ensemble schreiben. Da mich aber eine Blockflötenlehrerin, ein Gitarrenlehrer und Klavierlehrerinnen fragten, ob ich nicht auch Schülern von ihnen die Möglichkeit geben könnte, in einem Orchester mitzuspielen, bezog ich also auch Blockflöten, Gitarren, Klavier und Schlagwerker ein. Die Schlagwerker waren meist Klavierschüler, aber auch Schüler anderer Instrumentalfächer, die auch ohne expliziten Schlagzeugunterricht in der Lage waren, Instrumente wie Glockenspiel, Xylophon, große Trommel, hängendes Becken, Klanghölzer oder andere Schlaginstrumente bedienen zu lernen.

Erst im Jahr 2009, nachdem ich schon einige Stücke für solch gemischte Orchesterbesetzungen geschrieben hatte, bat ich die Schüler meines Orchesters in Löbau, Namensvorschläge für unseren gemischten Klangkörper zu machen. Neben „Orchester Kunterbunt“ und „Orchester Melange“ erhielt der Name „Mixtura-Orchester“ die meisten Stimmen, und so war eine neue Bezeichnung für diese exotische Orchesterbesetzung geschaffen. Seit dieser Zeit nenne ich diese Besetzung auch im Titel meiner Stücke nicht mehr „Kinderorchester“ oder andere Aushilfsbezeichnungen, sondern „Mixtura-Orchester“.

Notwendigkeit und pädagogischer Anspruch des Mixtura-Orchesters

Inzwischen haben diverse Orchester anderer Musikschulen Stücke von mir für „Mixtura-Orchester“ nachgespielt: so in Bautzen, Halle (Saale), Parchim, Spremberg, Obernburg, im polnischen Żary (Sorau) und dem tschechischen Liberec (Reichenberg).
Die Notwendigkeit der Entwicklung dieser neuen Orchesterform wird gerade an ländlich geprägten und kleineren Musikschulen deutlich, da es dort oft nicht die Möglichkeit gibt, ein sinfonisches Orchester zu etablieren. Meist fehlen Oboen, Waldhörner, Fagotte oder andere sinfonische Orchesterinstrumente. Blockflöten-, Gitarren- und Klavierspieler gibt es jedoch an fast jeder Musikschule reichlich. Für diese Kinder komponierte und komponiere ich Musik, die technisch realisierbar ist und so nicht nur gut klingt, sondern den Kindern beim Erlernen und Spielen auch Spaß machen soll. Dabei helfen mir vor Allem meine jahrzehntelange Erfahrung mit Kinderorchestern als auch die ständige Rücksprache mit den Instrumentallehrern meiner Orchesterschüler. Neben den eigenen Kompositionen bearbeitete ich auch Stücke anderer Komponisten wie Telemann und Schumann für Mixtura-Orchester.
Einerseits versuche ich, den Spielern Freude am Musizieren zu vermitteln, andererseits aber auch, die jungen Musiker auf einen musikalisch „höheren Level“ zu heben, so zum Beispiel durch den Einsatz von Taktwechseln, Gebrauch von Modi und wenn dramaturgisch sinnvoll Erzeugung von Geräuschen auf den Instrumenten oder kleine aleatorische oder atonale Ausflüge (z.B. im Theaterstück mit Musik „Schatten“).
Gerade bei freiem Spiel und Geräuschen stellte ich fest, dass die Schüler im Gegensatz einiger Lehrermeinungen keine Hemmungen oder Probleme mit der Umsetzung hatten. Manchmal machte es ihnen sogar mehr Spaß, als mit dem üblichen Notentext.

Vorteile und Nachteile der Mixtura-Besetzung

Vom Vorteil, Musikschüler am Orchestererlebnis teilhaben zu lassen, für die normalerweise keine Orchesterliteratur vorliegt, wurde bereits gesprochen.
Des Weiteren gibt es besondere gruppendynamische Effekte zu beobachten: So habe ich (auch bei eigenen Schülern) immer wieder gestaunt, dass dieselben, die sonst wochenlang an kurzen Schülerstücken herumprobieren, dieselben, die ihr Musiklehrewissen kaum auf ihr Instrument übertragen können, im Orchester plötzlich ein Programm von stolzen 20 Minuten meistern.
Ein weiterer Vorteil der Mixturabesetzung sind neue Klangfarben.
Die Besetzung mit Blockflöten, Gitarren, Klavier, Schlagwerk und Streichern birgt allerdings auch Nachteile:
Gerade den Blockflöten und Gitarren sind in der Dynamik Grenzen gesetzt. Als Komponist ist man geradezu gezwungen, den Gitarren und Flöten eigene zarte Stellen zu widmen, denn im Fortissimo gehen Tenorblockflöte und Gitarre im Orchester unter.
Außerdem fehlen in der Mixturabesetzung starke Tiefen, wie wir sie durch das tiefe Blech im sinfonischen Orchester gewohnt sind. Ähnliches gilt für das tiefe Holz von Fagotten und Klarinetten, die von den Blockflöten nicht nachgeahmt werden können.
Bei Bearbeitungen für Mixturabesetzungen gibt es neben den klanglichen auch geschmacklich stilistische Grenzen. So halte ich es nicht für sinnvoll, sinfonische Stücke der Romantik oder Klassik für Mixturabesetzung zu bearbeiten. Dazu empfehle ich eher Klavierstücke der Romantik oder des Impressionismus, die wir nicht als Orchesterstück im Ohr haben. Auch Musik der Renaissance oder des Barock ist bestens geeignet, da in diesen Epochen die Instrumente variabler zu besetzen waren und Blockflöten wie Gitarren stilistisch passen. Gitarren geben außerdem gute Continuostimmen ab.